Das Projekt – Hintergründe. Grundsätze. Ansätze. Ziele.

Erste im Mai 2017 vorab vorgestellte Zwischenergebnisse der qualitativen „CJD-Studie zur Situation von männlichen Geflüchteten in Deutschland*[1]bestätigen die Praxiserfahrungen von Akteur_innen in der Migrations- und Gleichstellungsarbeit, dass viele junge geflüchtete Männer strukturellen Integrationshemmnissen und Alltagsrassismen ausgesetzt sind und sich bei der Entwicklung von Bewältigungs- und Gegenstrategien allein gelassen fühlen; selbst wenn bei ihnen eine Erstintegration über die Teilnahme an Sprachkursen und erste Eingliederungsmaßnahmen in Schule, Ausbildung und Beruf stattfindet.

Mehrheitlich wünschen sich die interviewten Geflüchteten, dass mehr mit ihnen statt über sie gesprochen wird, dass ihnen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld ein Forum fernab formaler institutioneller Vorgaben gegeben wird, in dem man sich dialogisch begegnet und frei(er) austauscht zu Fragen des Zusammenlebens in Deutschland.

In ihren Wünschen und Zielen sind die meisten geflüchteten jungen Männer den schon länger bzw. immer schon in Deutschland lebenden jungen Männern ähnlich, doch fühlen sie sich – gerade auch durch den partiell integrationsfeindlichen medial-öffentlichen Diskurs von Themen im Kontext Migration – oftmals auf stigmatisierende Verschiedenheiten reduziert.

Durch Bedarfserhebungen der Bildungs- und Beratungsstelle zu Geschlechtergleichstellung und Migration „G mit Niedersachsen“ (VNB e.V.) bei Akteur_innen und Institutionen in der Arbeit mit geflüchteten Männern in Niedersachsen wissen wir, dass sich einer nachhaltig gelingenden Teilhabe immer wieder auch inter- und transkulturelle Missverständnisse und Fragen in den Weg stellen. Was wird von mir nun als Mann in Deutschland erwartet? Was kann ich hier als geflüchteter Mann erwarten?

Als „geflüchteter Mann“?! Wer sind eigentlich „die geflüchteten Männer“?! „DIE geflüchteten Männer“ ist bestenfalls ein Versuch, unterschiedliche Lebenserfahrungen von Menschen durch einen Begriff zum Ausdruck zu bringen. Der Heterogenität der Gruppe der geflüchteten Männer gerecht zu werden, kann nicht gelingen. Dennoch ist es wichtig, mit der Grundhaltung und der Vision, der Vielfalt gerechter werden zu wollen, zu arbeiten.

Viele geflüchtete Männer eint die Erfahrung von und das Leben in Umbrüchen. Und viele von ihnen sehen in diesen Umbrüchen den Auftakt zu einem Aufbruch für eine bessere Zukunft für sich und ihre (zukünftige) Familie hier in Deutschland.

Eine neue Existenz aufbauen, mit der Familie hier in Frieden leben oder eine Familie gründen wollen, Freunde und Arbeit finden, Anerkennung und Respekt bekommen. In diesen Wünschen und Zielen unterscheiden sich die meisten geflüchteten Männer kaum von den schon länger oder immer schon in Deutschland lebenden Männern.

Viele von ihnen haben hohe Eigenerwartungen und wollen hier selbstermächtigt handeln. Direkt nach dem ersten Ankommen in Deutschland befinden sie sich in einer Schlüsselphase für den selbstständigen Auf- und Ausbau einer Zukunft durch Ausbildung, Berufsfindung und Familiengründung. Die Eigenerwartungen an „Männlichkeit“ können dann (zu) hoch sein.

In den Herkunftsregionen vieler geflüchteter Männer sind die Rollenvorstellungen und -aufteilungen der Geschlechter oftmals klarer, starrer und tradierter. In Deutschland werden dann meist neue Anforderungen an „Männlichkeiten“ gestellt. Der Mann als „Alleinversorger“ der Familie? Die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder? Nicht nur dieses Rollenmodell kollidiert mit den vielfältigen Wertevorstellungen und strukturellen Anforderungen unserer individualistischen Gesellschaft voller Veränderungs- und Aushandlungsprozesse.

In Deutschland haben sich neue Selbstverständnisse herausentwickelt, was es heißen kann, ein „Mann“ / ein „Vater“ zu sein. Aushandlungsprozesse vielfältiger und selbstbestimmter Rollenvorstellungen und gelebter Modelle von „Männlichkeiten“ bleiben auch in Zukunft dynamisch. Die Neuanforderungen an „Männlichkeiten“ gelten nicht nur für Männer mit Flucht/-Migrationserfahrungen, sondern für alle in Deutschland lebenden Männer. Und wir alle müssen uns mit der Unübersichtlichkeit und den Widersprüchen der Modernisierung, Globalisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt auseinandersetzen. Wandlungen, die nicht nur das „Alleinversorger-Modell“ ökonomisch erodieren lassen, sondern auch gleichberechtigte Konzepte der Aufteilung von Arbeits- und Familienzeit erschweren.

Umso mehr gilt es daher, gemeinsam über die sicht- und unsichtbare Normalität in unserer Migrationsgesellschaft und zu Zukunftsfragen in den Dialog zu kommen. Mehr sensible Räume für Fragen, Irritationen, Ängste, Hoffnungen und Träume müssen geschaffen werden.

Klar ist: In inter-/transkulturellen und Genderkontexten können Unsicherheiten in der Auseinandersetzung mit sich selbst und im Miteinander nie ganz abgelegt werden. Unsicherheiten können aber besprochen und dadurch gemeinsam abgebaut werden.

Unsicherheit verspüren wiederholt und zurzeit verstärkt Fachkräfte und Ehrenamtliche der Arbeit in Migrations- und Gleichstellungskontexten. Eine Verunsicherung bzgl. der eigenen Haltung und Handlung in Zeiten zunehmender Polarisierungen in Medien, Öffentlichkeit und auch in der Politik der Diskurse zu Geschlechterthematiken in Migrationskontexten.

Viele Haupt- und Ehrenamtliche fragen sich daher:

  • Was macht Flucht eigentlich mit „Männlichkeiten“?
  • Wie beeinflussen Migrations- und Männlichkeitsbetrachtungen der Aufnahmegesellschaft junge geflüchtete Männer?
  • Wie wollen wir besser (nicht) über Geschlechterrollen im Migrationskontext reden?
  • Wie gelingt es mir, in der praktischen Arbeit geschlechtsspezifische Unterschiede zu beachten?
  • Wie vermittle ich das Recht auf und den Wert der Geschlechtergleichstellung, ohne dabei selbst in Stolperfallen inter-/transkultureller Arbeit zu tappen?

Mit Rollenspielen wollen wir gemeinsam auf diese Fragen Antworten suchen. Unsicherheiten im Miteinander abbauen und einen Impuls setzen, wie gleichberechtigte Teilhabe und ein Leben ohne Angst in Vielfalt in unserer Migrationsgesellschaft gestaltet werden kann.

Rollenspielen – Über Geschlechterrollen gemeinsam reden –

Dazu ist der erste praktische Schritt, die geflüchteten Männer da, wo sie sind, anzusprechen, ihnen zuzuhören, sich auf die Reise zu und mit ihnen zu machen.

Mit den mobilen Tischkickern mit Flutlicht vom „flixen“-Team, das Tischfußballturniere an beliebigen Orten organisiert und moderiert, wurden daher in verschieden großen niedersächsischen Städten soziokulturelle Treffpunkte / Unterkünfte von Geflüchteten aufgesucht. Die Teilnehmenden traten in einem fairen Modus gegeneinander an. Fair, denn die Teams wurden per Los nach jeder Runde gewechselt. So wurde der Gegenspieler von eben in der nächsten Runde vielleicht schon zum Mitspieler. Also ein ständiger Rollen- und Perspektivenwechsel auf spielerischer Ebene, der analog dazu im pädagogischen Teil auf theoretischer Ebene stattfand. Dazu wurde nach jeder zweiten Spielrunde, geleitet von einem Moderator, das Themenfeld „Geschlechterrollen in Deutschland“ gemeinsam diskutiert.

Konstruktiv ausgerichtet und dialogisch begegnend sprachen wir nicht nur mit den Männern über ihr (Selbst-)Verständnis von Geschlechterrollen, sondern ließen sie auch ausführlich zu Wort kommen und boten ihnen damit ein Forum für ihre Erwartungen, Erfahrungen, Fragen und Irritationen. Wie erleben sie in ihrem Alltag Männer und Frauen in Deutschland? Woran orientieren sie sich bei ihren Wahrnehmungen, Einschätzungen und Zielen? Auf welche Fragen finden sie (noch) keine Antworten? Welche gesellschaftlichen Rollenbilder präg(t)en sie, welche finden sie gut, welche sind schwierig zu verstehen?

Rollenspielen – Über Geschlechterrollen gemeinsam reden –

Im Rahmen einer wertschätzenden Diskussionskultur wollten wir:

  • zu trans- und interkulturellen Missverständnissen Aufklärung bieten
  • Informationen geben zur historischen Genese der (europäisch) deutschen Wertekultur im Geschlechterkontext (Freiheit, Gleichheit, Selbstbestimmung)
  • einen impulshaften Überblick über Frauenrechte und juristische Bestimmungen verschaffen
  • auf die Vielfalt moderner Lebensmodelle jenseits tradierter, heteronormativer und machtasymmetrischer Muster hinweisen
  • niedrigschwellig Strategien vermitteln, wie Selbstverortung und Identitätsbildung in einer vielfältigen Wertegemeinschaft bei gleichzeitiger Akzeptanz von Verschiedenheit gelebt werden kann

Rollenspielen – Über Geschlechterrollen gemeinsam reden –

Weg und Ziel des Projektes war es, dabei möglichst stark Männer aus migrantischen Communities in die Projektarbeit einzubinden. Darüber hinaus sollten ehren- und hauptamtlich Tätige der Integrationsarbeit durch ihre Unterstützung des Projektes vor Ort für die Berücksichtigung von Geschlechter- und Vielfaltsaspekten in ihrer Arbeit sensibilisiert werden.

weiter zum Kapitel: Die Umsetzung – Orte. Räume. Themen. Fragen. Antworten. Utopien.

 

[1] „Geflüchtete Männer in Deutschland. Bedarfe, Herausforderungen und Ressourcen – Kurzfassung“, 2017, movemen, Bundesforum Männer (https://movemen.org/wp-content/uploads/2017/11/Gefluechtete_Maenner_in_Deutschland_Bedarfe_Herausforderungen_Ressourcen_Kurzversion.pdf, Abrufdatum 15.11.18)

Für alle Fragen des gleichberechtigten Zusammenlebens in Niedersachsen.

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