Die Rückschau – Stolpersteine. Überraschendes. Bleibendes.

Was bleibt, wenn ich zurückblicke? Als erstes ein Glücksgefühl, ein Lächeln. Was bleibt schon beständig, wenn es nicht an Emotionen geknüpft ist? An allen drei Veranstaltungsorten, so unterschiedlich die jeweiligen Voraussetzungen und das Drumherum auch waren, wurde fair, respektvoll und anerkennend miteinander umgegangen. Sei es am Tisch oder in den Diskussionsrunden. Sei es vorher, in den Pausen oder hinterher. Bewundernswert, aber nicht wirklich überraschend.

Rollenspielen – Über Geschlechterrollen gemeinsam reden –

Wirklich überraschend war für mich, wie die Männer bei den Veranstaltungen über unterschiedliche bis gegensätzliche Sichten auf Geschlechterthematiken reagiert und in der Gruppe diskutiert haben. So unterschiedlich die Vorstellungen von „Männlichkeiten“ auch waren, besprochen wurden diese Vorstellungen immer ohne Abwertung des oder der Anderen im Raum.

Beeindruckend ist, dass die Männer, obwohl ihr junges Leben von vielen Umbrüchen begleitet ist, Optimismus, Offenheit, Herzlichkeit und Humor nicht verloren haben. Schnell entschlüsselten sie in Deutschland, wie echte Teilhabe und ein zufriedenes Leben für sie hier nur möglich sein kann: Über Bildung und den Zugang zum Arbeitsmarkt. Dabei sind sie meist in ihren Erwartungen und Zukunftszielen realistisch, geduldig und strebsam.

Kommt es eigentlich vor, dass man ein Projekt durchführen kann, ohne im Projektverlauf gegen unerwartete Stolpersteine zu stoßen? Ich finde, gerade die negativen Überraschungen in der praktischen Umsetzung eines Projektes und deren Aufarbeitung können ein Projekt erst zu einem „good-practice-Beispiel“ machen.

Ins kurzzeitige Stolpern brachten mich zwei Anrufe innerhalb weniger Tage.

Anruf 1: Ein Kooperationspartner für eine vorab grob geplante Rollenspielen-Veranstaltung äußerte starke Bedenken, die Veranstaltung mitorganisieren zu wollen. Bedenken, die der Angst geschuldet waren, dass ein Projektangebot zu Genderthematiken, das ausschließlich nur für geflüchtete Männer ist, in der Außenwirkung den „rechten“ Diskurs befeuere und schon bestehende Ressentiments gegenüber den Männern verstärke. Die Veranstaltung kam dann auch nicht zustande.

Anruf 2: Eine Fachkraft aus Niedersachsen, die sich über Rollenspielen informiert hatte, rief mich an und danke mir überschwänglich, dass „nun endlich mal jemand denen beibringt, wie man sich hier zu benehmen hat“. Ich wies das Lob ab und begann, die Haltungsgrundsätze und Ziele des Projektes zu vermitteln. Mitten im Satz legte der Anrufer auf.

Zeige ich sicherlich Verständnis für die Bedenken des ersten Anrufs, muss ich die Denkweisen, die sich hinter dem zweiten Anruf verbergen, wohl oder übel aushalten, wenn ich sie schon nicht ändern kann.

Beide Anrufe bilden zwei gängige und gegensätzliche Standpunkte des Gender- und Migrationsdiskurses in den Spannungsfeldern zwischen Differenzabbau und Differenzüberbetonung, zwischen Kultursensibilität und Kulturalisierung, zwischen Parteilichkeit und Rassismus ab.

Diese beiden Reaktionen auf ein und dieselbe öffentliche Projektbeschreibung machen nochmal deutlich, dass das Schreiben und Sprechen über Genderthematiken in Migrationskontexten stets sensibel und reflektiert vorgenommen werden muss. Und dass Projektangebote wie Rollenspielen immer auch auf Widerstände und Irritationen stoßen werden. Es bleibt die Frage, ob, und wenn ja, wie man diese Widerstände und Irritationen gemeinsam nachhaltig besprechen kann.

Gewisse Formen von Widerständen und Irritationen, insbesondere aus dem vielfaltsfeindlichen Spektrum, werte ich übrigens als Projekterfolg.

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Für alle Fragen des gleichberechtigten Zusammenlebens in Niedersachsen.

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