Editorial

Die Idee für Rollenspielen entstand während einer Zugfahrt. Nach einem Workshop, den ich für Geflüchtete gegeben hatte, fuhr ich zufällig mit einem der Teilnehmer mit dem Zug in dieselbe Richtung heim. Kaum setzten wir uns zusammen hin, erzählte er etwas verlegen: „Das passiert mir nicht oft, dass sich einfach jemand zu mir setzt und wir uns dann unterhalten. Manchmal setzen sich die Leute sogar weg, wenn ich mich dazusetze. Ich will doch einfach nur reden, alles über Deutschland lernen. Aber nicht immer nur in Kursen, sondern überall. Im Supermarkt, im Park, im Zug. Ich sehe die Angst, die Unsicherheit. Dabei habe ich auch Angst und bin auch unsicher.“

Unsicher, wie der Austausch und die Arbeit mit geflüchteten jungen Männern zu gestalten ist, sind sicherlich gleichzeitig auch viele haupt- und ehrenamtlich Tätige. Workshops mit ihnen machten mir deutlich: Insbesondere, wenn es darum geht, mit den Männern über Geschlechterthematiken, über Geschlechterrollen und Rollenvorstellungen in Deutschland zu sprechen, treten Verunsicherungen auf.

Das verwundert nicht. Kaum ein Themenfeld scheint aktuell und in den letzten Jahren aufgeladener und explosiver im öffentlich-medialen und politischen Diskurs zu sein als Geschlechterthematiken im Kontext von migrantischen Männlichkeiten.

Wie kann nun dieser wechselseitigen Verunsicherung entgegengewirkt werden, fragte ich mich? Wie kann ein offener(er) Dialog zu geschlechter- und vielfaltssensiblen Themen stattfinden zwischen Geflüchteten und Menschen, die sich für sie haupt- und/oder ehrenamtlich engagieren?

Mein Ziel war es, ein überall leicht selbst umzusetzendes, niedrigschwelliges Veranstaltungsangebot zu kreieren, das den Verunsicherungen Schutz und Forum zugleich bietet für eine konstruktiv dialogische Auseinandersetzung mit den zentralen Lebens-, Gesellschafts- und Zukunftsthemen „Geschlechtergleichstellung und Migration“.

Geflüchtete junge Männer sollen für sich selbst sprechen und zeigen: Migrantisch-männliche Lebenswirklichkeiten sind vielfältig!

Meine schönsten Vielfaltserfahrungen machte ich 2015, im „langen Sommer der Migration“, an den Tischfußballtischen in verschiedenen Notunterkünften für Geflüchtete in Bremen, in denen ich beruflich tätig war. Herkunftsregion, Alter, Geschlecht, Sprache: Für kurze Zeit spielte all das am Tisch keine Rolle.

Eine Rolle spielte vielmehr: Gemeinsam Zeit zu gestalten…so kam die Idee zum Projekt „Rollenspielen – Über Geschlechterrollen gemeinsam reden“ ins Rollen:

Tischfußballturniere mit fairem Modus und mobilen Tischen, eingebettet in lockere Diskussionsrunden zu „Geschlechterrollen in Deutschland“, bringen geflüchtete junge Männer an die Tische und teilhaberelevante Themen auf den Tisch.

Um auch in Zeiten laufender Migrationsbewegungen Geschlechtergleichstellung und gleichberechtigte Partizipation an den Gesellschaftsprozessen zu fördern, suchten wir den Dialog mit geflüchteten Männern zu Erwartungen, Fragen, Irritationen, inter-/transkulturellen Missverständnissen, zu Rechten und Normen im Zusammenleben zwischen Mann und Frau in Deutschland.

Mit dieser Broschüre möchten wir haupt- und ehrenamtlichen Akteur_innen der Gleichstellungs- und Migrationsarbeit und weiteren Interessierten Möglichkeiten der variablen Umsetzung dieses Projektkonzepts aufzeigen, um ein Stück mehr gemeinsam unsere Migrationsgesellschaft geschlechtergerecht auszugestalten.

Vielen Dank an das „Niedersächsische Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung“ und die „Niedersächsische Lotto-Sport-Stiftung“ für die Projektförderung.

Ich danke allen Projektbeteiligten, den Kooperationspartner_innen der Veranstaltungen vor Ort, dem Cameo Kollektiv und Thorben Köhn von flixen, Sven Kühtz und seinem Team vom JMD im CJD in Nienburg, Dr. Volker Weiß vom VNB e.V. und ganz besonders all den vielfältigen Teilnehmern und Aktiven mit Flucht-/Migrationserfahrungen, die mit ihrer Offenheit, Herzlichkeit und Kreativität an den Diskussionsrunden, Interviews, Übersetzungen, am Logodesign und an der fotografischen Dokumentation des Projektes maßgeblich beteiligt waren.

Manfred Brink (G mit Niedersachsen, VNB e.V.)

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Für alle Fragen des gleichberechtigten Zusammenlebens in Niedersachsen.

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