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Rollenspielen-Broschüre – Vorwort

 

Wir leben in Zeiten von Ungleichzeitigkeiten. Von gleichzeitigen Fort- und Rückschritten. Die neue Vielfalt der Möglichkeiten, eigene Lebensentwürfe zu gestalten, geht einher mit Chancen und Herausforderungen für Individuum und Gesellschaft.

Immer mehr Menschen in Deutschland können sich selbstbestimmt entfalten in der Auswahl ihrer individuellen, partnerschaftlichen und arbeitsweltlichen Wünsche. Gleichzeitig sind nach wie vor viele Menschen von Diskriminierungen und Rassismen betroffen.

Diskriminierungen finden durch Zuschreibungs- und Abwertungspraxen statt, die sich entlang von Differenz- bzw. Identitätskategorien wie Gender, Alter, Klasse, Milieu, Körper oder Bildung bewegen. Insbesondere undifferenzierte, konstruierte und verschränkte Negativzuschreibungen im Kontext von Gender und Migration sind zurzeit omnipräsent und gefährden das demokratische Miteinander in unserer Migrationsgesellschaft.

Für viele junge Menschen ist die Entwicklung von Eigenidentität und Zukunftsperspektiven in diesen skizzierten Spannungsfeldern zwischen Vielfaltsentfaltung und Freiheitsbeschränkung sehr herausfordernd. Einerseits wünschen sie sich Orientierungen und Rahmungen in einer immer komplexer werdenden Welt, andererseits leben sie gerne ihre Rollenvielfalt und Mehrfachzugehörigkeiten (Familie und Freund*innen, Clique und Kiez, Schule und Sport, Ausbildung und Beruf) aus und genießen die Entfaltungschancen jenseits von starren Mustern und Normvorstellungen.

Der Lebensalltag vieler junger Menschen ist geprägt von Suchbewegungen, Ängsten, Irritationen und Träumen. Viele fragen sich: Welche Rolle will ich in Zukunft spielen? Welcher Beruf passt zu mir? Was für ein Partnerschafts- oder Familienmodell könnte mich glücklich machen? Diese Fragen sind eng verwoben mit wirkmächtigen gesellschaftlichen Normenvorstellungen von „erlaubtem Mann- und Frausein“; Vorstellungen, die erweiterte Identitäts- und Rollenvorstellungen oftmals stark einschränken.

Doch welchen jungen Menschen wird überhaupt Raum gegeben für ihre Fragen? Welchen jungen Menschen wird ein konstruktiver Umgang mit den skizzierten vielfältigen Herausforderungen unserer Zeit überhaupt zugetraut?

Jungen geflüchteten Männern* jedenfalls wird mehrheitlich weder Raum gegeben noch Zutrauen entgegengebracht. Nicht erst seit dem sogenannten „langen Sommer der Migration“ 2015 sind geflüchtete Männer* in Deutschland vielfachen Negativzuschreibungen ausgesetzt. Insbesondere in öffentlich-medialen Diskursen entlang von Gender wurden und werden sie und ihre Männlichkeits*vorstellungen tendenziös als „traditionell“, „frauenfeindlich“ und „gefährlich“ markiert; als Bedrohung für die Geschlechtergleichstellung und für Sicherheitsgefühle in Deutschland.

Aus vielfältigen Individuen wird pauschal eine Gruppe gemacht. Diese diskriminierenden und rassistischen Diskurse und Zuschreibungspraxen sind gefährlich. Verletzungen, Suchbewegungen und Potentiale vieler junger geflüchteter Männer* werden nicht gesehen. Die Lebenserfahrungen und neuen Wissensbestände, die viele von ihnen mitgebracht haben und zur Bereicherung einer Gesellschaft der Vielen einbringen könnten, werden unsichtbar gemacht.

Wenn Männer* kritisch in den Fokus gerückt werden, dann sollte mit ihnen ein Blick auf (auch für sie selbst) gefährliche Männlichkeits*konzepte geworfen werden. Gleichzeitig sind Strategien und Interventionen gegen Sexismus zu entwickeln. Hierbei gilt es aber differenziert vorzugehen und bei einer kritischen Beschau genauso die weiße Dominanzmännlichkeit* aus der Mehrheitsbevölkerung zu thematisieren.

Mit Männern* über Privilegien und kritische Männlichkeits*konzepte in den Austausch zu kommen, ist herausfordernd. Sowohl für viele der Männer* selbst als auch für Fachkräfte und Ehrenamtliche, die sich in verschiedensten Bereichen sozial engagieren.

Viele Fachkräfte und Ehrenamtliche, die sich für geflüchtete Männer* engagieren wollen, sind verunsichert. Sie haben Sorge, dass sie mit ihrem Engagement (unbewusst) Stereotypisierungen reproduzieren und suchen nach Ideen, wie sie die Männer* zugewandt erreichen und nachhaltig zusammenbringen können, so dass ihnen ein Forum geboten werden kann für Fragen, Ängste, Herausforderungen und Zukunftsideen.

2019 ergaben sich – anders als in den Jahren zuvor – mehr Möglichkeiten, gezielter einen Blick auf die genderspezifischen Herausforderungen von geflüchteten Männern* zu werfen. Während schon viele Ideen und Umsetzungsangebote für geflüchtete Frauen* auf den Weg gebracht wurden, zeigten sich bei Angeboten, die sich ausschließlich an Männer* richteten, Leerstellen auf.

Genau hier setzte das Modellprojekt Rollenspielen 2019 an. Tischfußballturniere kombiniert mit lockeren Diskussionsrunden zu Rollenerwartungen und Zukunftsvisionen brachten junge Männer* mit und ohne Flucht-/Migrationserfahrungen an die Tische und teilhaberelevante Themen auf den Tisch. Anhand der Erfahrungen und Ergebnisse aus den Diskussionsrunden mit den Männern* wurden Multiplikator*innen-Fortbildungen für Fachkräfte und Ehrenamtliche konzipiert und durchgeführt.

Warum wurden auch Männer* ohne Flucht-/Migrationserfahrungen zu den Diskussionsrunden eingeladen? Welche Themen lösten bei den Männern* welche Emotionen aus? Was können Fachkräfte und Ehrenamtliche aus den Erfahrungen des Projektes an Gestaltungsimpulsen für ihr eigenes Engagement mitnehmen?

Dazu bietet die Broschüre vielfältige Einblicke in die Projektarbeit von Rollenspielen 2019. Im Interview mit Hassnae El Mezzawi wird der Frage nachgegangen, inwieweit es (k)eine Rolle spielt, wenn eine Frau* unangekündigt eine Diskussionsrunde zu Gender- und Zukunftsthematiken moderiert, die sich ausschließlich an Männer* richtet. Viele geflüchtete Männer* sind Marginalisierungen ausgesetzt. Der Artikel „Im Abseits – Marginalisierte Männlichkeiten* in Zeiten von Corona“ zeigt auf, welche Männer* und Männlichkeits*formen in Krisenzeiten (un-)sichtbar sind und welche Gefahren sich darin verbergen.

Wann hat Flucht ein Ende? Wie gehen geflüchtete Männer* in Deutschland mit dem verstärkten Rechtsruck um?

Serwan B. hat an einer Rollenspielen-Veranstaltungen teilgenommen und berichtet im Interview „Flucht ohne Ende?“ von seinen Vorstellungen von Männlichkeit*, von seinen Träumen und Sorgen.

Selbstreflexion, Gendersensibilität, Rassismuskritik, Intersektionalität…was hat das alles mit meiner praktischen Arbeit vor Ort zu tun?!

Eine Frage, die viele Fachkräfte und Ehrenamtliche in Fortbildungen zu Gender- und Vielfaltsthematiken besonders bewegt. Dazu bietet das Kapitel „Was sehe ich (noch) nicht? Gender- und vielfaltssensible Projektgestaltung“ Praxisempfehlungen an. Unter Weiterführendes im weiten Themenfeld sind Lesetipps zu Themen wie Männlichkeiten*, Intersektionalität, Rassismuskritik und Diversität aufgeführt.

Diese Broschüre möchte für sozial engagierte Menschen eine begleitende Unterstützung bei der Praxisreflexion sein, um die eigene Arbeit und das Engagement gender- und vielfaltsreflektierter zu gestalten. Sie hat das Ziel, Neugierde zu entfachen und Mut zu machen für die Arbeit mit und für Männer* in einer von Ungleichheiten und Vielfalt geprägten Gesellschaft. Gegen Ungleichheiten und für Vielfalt.

Für die Förderung des Projektes geht ein Dank an die Niedersächsische Lotto-Sport-Stiftung und das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung.

Herzliche Danksagungen für Inspiration, Leidenschaft, Offenheit, Fachlichkeit, Kritik und Humor gehen an Hassnae El Mezzawi, Serwan B., Alireza Husseini, Petre Rekhviashvili, Tinka Greve und Dr. Volker Weiß. Und der allergrößte Dank gilt allen Teilnehmenden an den Rollenspielen-Veranstaltungen, denn nur dank ihrer Offenheit kann Projektarbeit gelingend gestaltet werden.

Manfred Brink

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Die Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Nds. Lotto-Sport-Stiftung und des Nds. Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung dar. Für inhaltliche Aussagen trägt der Autor die Verantwortung.

Hinweis: Das Gendersternchen (mal am Schluss des Wortes verwendet, mal in der Mitte) dient dazu, neben der weiblichen und der männlichen Form einen Platzhalter zu schaffen für weitere Genderidentitäten und Personen(gruppen), die sich jenseits der Zweigeschlechtlichkeit bewegen. Zudem weist es auf die soziale Konstruktion der Begriffe Frau und Mann hin und verdeutlicht ihren exkludierenden Charakter.